Schmid, Christian. 2017. »Urbanisierung und urbane Gesellschaft – Henri Lefebvres Thesen zur Aufhebung des Stadt-Land-Gegensatzes.« ARCH+ no. 228: 22-28.

Im Frühjahr 2017 erschien in der Architekturzeitschrift Arch+ Christian Schmids Artikel „Der neue Rurbanismus“. Darin stellt er die Thesen des Soziologen und Philosophen Henri Lefebvre (1901-1991) über die Abschaffung des Stadt-Land-Kontrastes vor, die nach Schmid noch heute große Bedeutung und Gültigkeit haben. Durch die Globalisierung entstehen neue Geografien auf allen Ebenen, alltägliche Orientierungsraster lösen sich auf und die Lebensbedingungen werden erschüttert. Neue raum-zeitliche Konfigurationen erforderten neue Konzepte von Stadt und Raum. Lefebvres Theorien könnten dafür ein wichtiges Werkzeug sein. Er argumentiert, dass es ein raumzeitliches Kontinuum der Urbanisierung gibt, das seit der Entstehung moderner Gesellschaften voranschreitet. Das erklärt die Krise der Stadt, die auch die Krise der Landwirtschaft mit sich bringt. In einer vollständig urbanisierten Welt gäbe es keine Stadt und kein Land mehr, sondern nur noch unterschiedliche Stadtkonfigurationen.
Er verweist auf Marx und Engels, die im Gegensatz zwischen Stadt und Land den entscheidenden historischen Faktor für die Entwicklung des Kapitalismus sehen. So ist die Stadt der Raum für geistige Arbeit und Kapital, während das Land für materielle Arbeit und Eigentum steht.
Lefebvre stellt fest, dass die Industrialisierung der landwirtschaftlichen Produktion im ländlichen Raum einen Verlust an Autonomie und einen grundlegenden Wandel bedeutet. Kleinhandel, Handwerk, kleine Zentren und das Dorf als Gemeinschaft gehen verloren. Das Land wird von den expandierenden Städten überfallen, zerstört und aufgelöst. Ein urbanes Wertesystem umfasst die Gesellschaft: urbanes Vergnügen und Kleidung, die schnelle Anpassung der Mode und eine gewisse Rationalität. Zwischen dem städtischen Gefüge bleiben Inseln der Ländlichkeit: Dörfer, Dörfer und Regionen, die stagnieren, verfallen oder der Natur vorbehalten sind.
Lefebvre beschreibt die Raum-Zeit-Achse der Urbanisierung, auf der die politische Stadt der Antike, die Handelsstadt des späten Mittelalters und die Industriestadt der Zeit der Industrialisierung liegen, die direkt auf die vollständige Urbanisierung und die Abschaffung von Stadt und Land hinweist. Laut Lefebvre kann dies keine Kompromisssynthese sein, sondern führt zu einem völlig neuen Aufbau einer urbanen Gesellschaft. Während die Stadt nur eine historische Konfiguration ist, ist die Urbanisierung ein gesamtgesellschaftliches Phänomen.
Die Industrialisierung hat die Gesellschaft quantitativ verändert, indem sie Bedingungen und Mittel zur Verfügung gestellt hat, und die Urbanisierung trägt nun zur qualitativen Transformation bei, indem sie Orientierung und Bedeutung bietet. Das wirtschaftliche Wachstum der Industrialisierung wird zunehmend von den mit der Urbanisierung verbundenen gesellschaftlichen Entwicklungen dominiert. Die Langeweile eines programmierten Alltags ist das zentrale Problem einer urbanisierten Gesellschaft. Schmid schreibt aber auch, dass Lefebvre darin neben aller Kritik am Urbanisierungsprozess auch Qualitäten und Möglichkeiten sieht. Die städtische Umgebung ist ein Potenzial, wie Schmid mit Lefebvre übereinstimmt.